Zwischen Aufbruch und Abschied
62 Absolventinnen und Absolventen feiern ihr Abitur am SGF
Als die 62 Abiturientinnen und Abiturienten des Staatlichen Gymnasiums Friedberg am Freitag ihre Reifezeugnisse entgegennehmen, kreisen viele Worte um das, was vor ihnen liegt: eine Zukunft voller Möglichkeiten, aber auch voller Ungewissheiten. Und doch zeigt sich im Laufe der Feier in der Rothenberghalle, dass für die jungen Menschen selbst zunächst etwas anderes im Mittelpunkt steht: nicht der Aufbruch, sondern der Abschied.
Zum Abschied: Leitgedanken für eine ungewisse Zukunft
Schon Schulleiterin Ute Multrus macht in ihrer Begrüßung deutlich, dass dieser Nachmittag auch für sie ein persönlicher Einschnitt ist. Nach neun Jahren am Friedberger Gymnasium verabschiedet sie sich zum Ende des Schuljahres in den Ruhestand – gemeinsam mit jenem ersten G9-Jahrgang, mit dem sie einst an die Schule gekommen war, ihr persönlicher G9- Jahrgang. Mit einer Zeitreise blickt sie zurück auf den Beginn mit vier fünften Klassen, auf die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler und den Wissenszuwachs über die vergangenen Jahre. Doch der Rückblick dient gleichzeitig als Ausgangspunkt für den Blick nach vorn. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Klimawandel, gesellschaftlicher Wandel – und ganz persönliche Fragen wie die Wahl aus 22.426 Studiengängen. Antworten auf all diese Herausforderungen liefert Multrus bewusst nicht. Stattdessen ermutigt sie die Abiturientinnen und Abiturienten, ihre Zukunft mutig und verantwortungsvoll bereits heute zu gestalten. Vier Leitgedanken gibt sie ihnen mit auf den Weg: Ziele finden, für die man sich begeistern kann, Verantwortung übernehmen, Beziehungen pflegen und eine Haltung der Dankbarkeit bewahren. Gerade Beziehungen seien oft das Tragende im Leben.
Am ersten Ziel angekommen
Auch die Ehrengäste richten ihren Blick nach vorne. Der neu gewählte Landrat Dr. Marc Sturm greift dazu eine Geschichte über Alexander den Großen auf. Als dieser am Ende seiner Eroberungen am Meer gestanden habe, soll er geweint haben. Vielleicht aus Freude über das Erreichte, aus Unsicherheit darüber, was nun komme oder auch aus Dankbarkeit gegenüber all jenen, die ihn begleitet hätten. Eine Parallele zur Situation der Absolventinnen und Absolventen, die zwei Drittel ihres bisherigen Lebens unterstützt von so vielen anderen auf dieses Ziel hingearbeitet hätten und nun an einem vielleicht auch schmerzlichen Scheideweg ständen. Für ihre Zukunft rät Sturm deshalb: Nicht nur auf die Füße, sondern zu den Sternen blicken – und dabei die Verbundenheit mit der Heimat nicht verlieren.
Peter Tomaschko, Mitglied des Bayerischen Landtags und Vorsitzender des Bildungsausschusses, erinnert in seiner Ansprache daran, dass dieser Jahrgang gleich mehrfach Neuland betreten habe. Nicht nur weil es sich um den ersten G9-Jahrgang handelte, sondern auch wegen der zahlreichen Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie habe man im Kultusministerium gespannt verfolgt, wie dieser Abschluss gelingen würde. Umso größer sei nun die Freude über das Erreichte.
Einen nüchternen, aber ermutigenden Blick auf das Leben zeichnet Friedbergs Bürgermeister Roland Eichmann. „Nichts kommt von selbst und nur wenig ist von Dauer“, zitiert er Willy Brandt, entscheidend sei jedoch, den Blick nicht auf das Negative zu richten. Wer sich Zeit nehme, herauszufinden, was ihn wirklich begeistere, könne seinen eigenen Weg finden – denn vor allem die Fähigkeit, Chancen im richtigen Moment zu nutzen, sei oftmals entscheidend. Wie schon Sturm versichert auch Eichmann den jungen Menschen: Die Region brauche ihre Talente – und halte ihnen die Tür offen.
Dass dieser Jahrgang bereits gelernt hat, mit Unsicherheit umzugehen, greift auch Elternvertreter Markus Hertle in seiner Rede auf. Mit dem Bild einer Gipfelbesteigung beschreibt er den Weg der einstigen Kinder durch Corona, Homeschooling, Maskenpflicht und die Umstellung auf G9. Wer unter solchen Bedingungen den Gipfel erreiche, nehme mehr mit als ein Zeugnis: das Vertrauen in die eigene, mentale Stärke. Dieses Wissen um bereits gemeisterte Krisen sei ein Schutzschild, das niemand mehr nehmen könne.
(K)eine Reife? (K)ein Abschied!
Doch während die Erwachsenen immer wieder die Zukunft und Hürden fokussieren, ist für die Schülerinnen und Schüler selbst zunächst etwas anderes viel wichtiger: In ihrer gemeinsamen Rede fragen Emil Geldhauser und Katharina Hertle augenzwinkernd, ob sie mit dem „Reifezeugnis“ tatsächlich reifer geworden seien. Zahlreiche humorvolle Anekdoten aus der gemeinsamen Schulzeit scheinen zunächst eher das Gegenteil zu beweisen. Gerade darin wird jedoch deutlich, was Reife für sie bedeutet: das Bewusstsein dafür, dass viele Momente nun unwiederbringlich vorbei sind. „Auf einmal waren wir die Großen“, lautet das wehmütige Fazit junger Menschen, die jetzt in eine Welt der Verantwortlichkeiten gehen werden. Ihre Rede richtet den Blick deshalb weniger auf das Morgen als auf das, was bleibt. Sie danken den Oberstufenkoordinatorinnen, den Lehrkräften, den Eltern und Freunden aufrichtig und von Herzen für Unterstützung ohne Erwartungen, für das Gefühl, angenommen zu sein. Vor allem aber klingt Wertschätzung für die Kursgemeinschaft an: Über Jahre sei ein Zusammenhalt entstanden, der den Abschied zwar schmerzhaft mache, aber zugleich trage. Die Jahrgangsstufe werde auseinandergehen – ein kleiner, fester Kern von Menschen jedoch bleibe hoffentlich jedem. Und gerade diese tragfähigen Beziehungen gäben den Mut, in eine Zukunft aufzubrechen, deren Verlauf heute noch niemand kenne. Eine Erfahrung, die eine Demokratie in Zeiten der Ungewissheit dringend braucht.
Zahlreiche Ehrungen, sieben Mal Notenschnitte von 1,5 bis 1,0
Wie vielfältig sich all die Persönlichkeiten in der Schulzeit entwickeln konnten, zeigen zahlreiche Ehrungen. Insgesamt sechs Personen erhalten von Dr. Thomas Hesse im Namen des Elternbeirats eine Prämierung ihrer herausragenden Seminararbeiten, 13 Schülerinnen und Schüler werden im musisch-kulturellen Bereich ausgezeichnet, neun in Mathematik, sechs für besondere Leistungen in den Sprachen. Hinzu kommen 34 Ehrungen für außergewöhnliches Engagement – von der SMV über Schulsanitätsdienst, Medienscouts, Technikteam, Netzwerk, „Jugend debattiert“, Schülerzeitung, Bücherei, Wertegruppe bis zum AK Schnappschuss. Die Auszeichnungen machen deutlich, dass Schule weit mehr hervorbringt als gute Noten und sich die Friedberger Schülerschaft gerne mit ihrem Potenzial einbringt.
Schließlich werden akademische Spitzenleistungen und die Aufnahme in Stipendienprogramme gewürdigt: Die besten Abiturergebnisse erreichen mit der fantastischen Note von 1,0 Clemens Wittkopf mit 874 Punkten, der künftig in das Max-Weber-Stipendienprogramm aufgenommen wird; Claudius Gödecke mit 846 Punkten und Lorenz Berghaus mit 824 Punkten, künftig Stipendiat bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Ebenfalls ausgezeichnet wird Eva Jaumann, die mit 784 Punkte und der Note 1,3 gleichermaßen im Programm der Studienstiftung des Deutschen Volkes aufgenommen wird. David Kullick (741 Punkte), Emma Hicker (734 Punkte) und Tim Stuber (733 Punkte) erzielen jeweils einen Abiturschnitt von 1,5. Insgesamt erreichen 23 der 62 Absolventinnen und Absolventen eine Eins vor dem Komma.
Als schließlich alle Zeugnisse überreicht werden, wird deutlich, dass dieser Nachmittag weit mehr markiert als den erfolgreichen Abschluss einer Schulzeit. Er ist die Schnittstelle zweier Blickrichtungen: Die Erwachsenen sprechen vom Morgen, von Verantwortung und Zukunft. Die Abiturientinnen und Abiturienten erinnern daran, dass jeder Aufbruch zunächst auch ein Abschied ist. Und das ergänzt sich: Denn wer weiß, woher er kommt und wer ihn begleitet, kann dem Unbekannten mit größerer Zuversicht und entschieden entgegengehen und die Zukunft gestalten.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend von Solosängerin Lena Kramer sowie der Big Band unter der Leitung von Maria Spicker, die mit den Abiturientinnen und Abiturienten auch einige Bandmitglieder verabschiedete. Für bleibende Erinnerungen an die Veranstaltung sorgte der Arbeitskreis Schnappschuss mit Aurélie Winkelmann und Lena Bissinger.

Fotograf: Wilhelm Barger